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Wiesbadener Kurier/Tagblatt: "Schwindelfreier Wirbelwind"

03.04.06: 11:40

Von: Wiesbadener Kurier/Tablatt: Henning Kunz



Judo-Rekordkulisse am 2.Ring und ein Bundesligakampf, der an Spannung kaum zu überbieten war. Bejubelt von 400 Zuschauern setzt sich der Judo-Club Wiesbaden gegen den JC Leipzig 7:6 durch.



Nizar Lahouague (-60kg)

Keine Ahnung, woher der kleine Mann die Kraft holte. Aber das wusste keiner so genau. Das Leben auf der Matte entspricht nicht dem Sein auf der Mattscheibe. In der Traumwelt Hollywood muss sich ein Mensch kurz aufregen, um am ganzen Körper grün anzulaufen, über sich hinauszuwachsen, ein paar Bäume aus dem Boden zu rupfen - und dann ist es wieder gut. Nizar Lahouague, der Judoka, hat mit dem "Unglaublichen Hulk" in etwa so viel gemein wie der Papst mit Boxer Mike Tyson. Doch irgendetwas passierte in diesem 14. und letzten Duell des bis dahin ausgeglichenen Bundesligakampfes (6:6) zwischen Wiesbaden und Leipzig mit diesem Nizar Lahouague. Der Wiesbadener 60-Kilo-Mann, mit einer kleinen Wertung im Rückstand, drehte sich plötzlich gleich einem Wirbelwind um seinen Leipziger Konkurrenten Danny Walich; dass er danach Gleichgewicht und Übersicht behielt, war nur Teil der Sensation, die nach zwei Koka-Wertungen mit einem Uchi-Mata und dem ersten Sieg des Judo-Club Wiesbaden in dieser Bundesliga-Saison endete.

 

Erst als alles vorbei war, er von den Kollegen ausgiebig geherzt, gedrückt und geknuddelt worden war, spürte Nizar Lahouague, "wie anstrengend dieser Tag eigentlich war". Der Tag seines Bundesliga-Comebacks. Wegen eines Bandscheibenvorfalls hatte der Kasseler im vergangenen Jahr keinen einzigen Kampf bestritten, erst im September wieder mit dem Training begonnen. Auch JCW-Coach Patric Nebhuth konnte nicht einschätzen, "wo Nizar wirklich steht". Was er sehr wohl wusste: Lahouagues Auftritte in der Klasse bis 60Kilogramm würden - nachdem die meisten Punkte auf beiden Seiten irgendwie fest verplant waren - die entscheidenden in diesem Bundesligakampf sein. Waren sie tatsächlich.

 

Lahouague hatte schon im ersten Durchgang viel Spaß mit Sascha Hanisch. Dass er im zweiten Kampf über sich hinauswuchs, "lag zum Großteil an der Unterstützung des Publikums", erklärte Philipp Eckelmann, der andere JCW-Trainer. Die rund 400 Zuschauer in der Sporthalle am 2.Ring peitschten das Superleichtgewicht vor; Lahouague wähnte sich auf der Matte irgendwie nicht mehr ganz alleine. "Die Zuschauer waren wie der achte Mann, der absolute Hammer", sagte Lahouague, "schön, wenn´s immer so wäre." Kaum auszudenken, wenn sich auf den Rängen - wie in der Vergangenheit meistens geschehen - nur ein paar Leute verloren hätten; wahrscheinlich hätte auch der JCW das Duell mit dem JC Leipzig verloren.

 

Die engagierten Wiesbadener nutzten die Gunst des Moments, betrieben Werbung in eigener Sache. 66-Kilo-Mann Manuel Müller traf zwar nicht wie erwartet auf Nationalkader-Konkurrent Johannes Herzig, schickte aber mit seinem Doppelsieg gegen Stefan Leonhardt (Dritter der IDEM 2005) Grüße an Bundestrainer Frank Wienecke, der Müller vor Jahresfrist aus dem Nationalkader verbannte. Die Spanier Jorghe Benavente und David Pérez machten das, wofür sie eingeflogen worden waren: Sie blieben unbesiegt. Patric Nebhuth sprach später vom eingetretenen "Idealfall". Zwar ließe sich nicht alles einkalkulieren, "aber 90 Prozent unserer Überlegungen sind eingetroffen". Gegen einen Gegner, der als Talentschmiede des deutschen Judos gilt, nicht weniger als drei Deutsche Meister aufbot, mit dem Abstiegskampf eigentlich nichts zu tun hat. Gleiches dürfte nun auf den JCW zutreffen. "Das war ein sehr großer Schritt Richtung Klassenverbleib", fand Nebhuth, "und vielleicht ist jetzt noch ein bisschen mehr drin." Mehr als das untere Tabellenmittelfeld. Wenn der eine oder andere JCW-Athlet über sich hinauswächst, erscheint vieles möglich. Fragt Nizar Lahouague.





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